Vom Bergsport bis zum Rollstuhltennis: Sandra erzählt uns, wie sie nach einem schweren Unfall neue Wege im Sport fand und heute als Übungsleiterin im Rehabilitationssport anderen Menschen hilft, wieder Bewegung und Aktivität in ihr Leben zu bringen.
Einstieg und Hintergrund
- Möchtest du dich unseren Leser*innen kurz vorstellen?
Hallo, ich heiße Sandra, bin 31 Jahre alt und komme aus München.
- Welche Rolle spielt Sport in deinem Leben?
Der Sport hat schon früh in meinem Leben eine große Rolle gespielt. Ich habe mit 3 Jahren Ski fahren gelernt, war früh im Eltern-Kind-Turnen und habe viele Sportarten ausprobieren dürfen. Neben dem Leistungsturnen habe ich viel getanzt, aber auch klassische Freizeitsportarten wie Inliner fahren, Joggen, Badminton spielen haben meinen Alltag geprägt – und natürlich der Bergsport. Sport ist bis heute ein wichtiger Bestandteil in meinem Leben. Ich glaube das der Sport einem unfassbar viel lehrt: von Bewegungsfähigkeiten aber auch mentalen Strategien, Durchhaltevermögen und der Freude an Neuem.
- Wie kamst du zum Rehabilitationssport
Nach zwei C-Lizenzen im Breitensport und im Inklusionssport wurde ich auf die Möglichkeit für eine Weiterbildung im Rehabilitationssport aufmerksam. Da ich beruflich in einem Klinikum arbeite und dort viel Kontakt mit erkrankten und verunfallten Kindern und Jugendlichen habe und auch im Ehrenamt im Tennis viele Berührungspunkte dazu habe, kam die Idee diese Weiterbildung anzugehen.
Persönliche Motivation
- Was hat dich dazu bewegt, eine Ausbildung im Bereich Neurologie zu beginnen
Kinder und Jugendliche, sowie junge Erwachsene sind immer noch eine eher unterrepräsentierte Zielgruppe des Rehabilitationssport. Dabei sind die Hürden zurück in den Sport zu finden, meist noch höher. Spielerischer Wettkampf im Breitensport und Mannschaftssportarten im Wettkampf können Hürden sein, eine eigene Perspektive im Sport zu entwickeln. Dabei legen wir gerade im Kindes- und Jugendalter die Grundlagen für die spätere Entwicklung und auch Gesundheit. In die Neurologie fallen viele Erkrankungen, die mit einer eingeschränkten Bewegungsfähigkeit einhergehen, sei es ein kindlicher Schlaganfall, die Folgen eines schweren Schädel-Hirn-Traumas und viele andere Erkrankungsbilder. Im Rehasport können wir gerade auch jungen Menschen eine Perspektive geben, wieder in Bewegung und Sport zu finden, aber auch neue Selbstständigkeit, Selbstwirksamkeit und Gemeinschaft zu erleben. Daraus können wir eine Brücke in den inklusiven oder Parasport bauen.
- Du hattest selbst auch einen Unfall und musstest dich neu im Sport orientieren. Welchen Weg bist du selbst gegangen?
Nach einem Unfall als Trainerin in einem Ski-Sport-Camp habe ich insgesamt sieben OPs hinter mir. Auf Grund der Unfallfolgen habe ich eine Lähmung in einem Bein – im Alltag trage ich daher eine computerassistierte Ganzbeinorthese, die die fehlende Funktion kompensiert und mit der ich wieder gehen kann. Sie kompensiert, kann aber nicht ersetzen. Die meiste Zeit benötige ich zusätzlich Krücken. Mein früher Bezug zum Sport hat dazu geführt, dass ich schon immer gerne neue Sachen ausprobiert habe und mich nicht direkt von scheinbaren Begrenzungen abschrecken lasse. Da gehört es auch dazu, mal auszutesten, ob mit der Orthese ein Hochseilgartenbesuch möglich ist. Trotzdem bleiben mir (noch) manche Aktivitäten verwehrt, wie rennen, rudern, springen und viele damit verbundene Sportarten.
Durch Zufall habe ich an einem Parasportangebot teilnehmen können und spiele seitdem Rollstuhltennis. Rehabilitationssport als Ergänzung wäre sicherlich ein Türöffner für viele Aktivitäten gewesen – die damals verfügbaren Gruppen fanden aber vormittags statt, wenn ich in der Arbeit war und waren meist von älteren Menschen besucht. Natürlich kann auch das sehr bereichernd sein, häufig sind aber die Fragestellungen junger Erwachsener noch einmal anders ausgerichtet. Und die von Kindern und Jugendlichen natürlich umso mehr.
Ausbildung und Praxis
- Wie fandest du die Ausbildung und welche Inhalte oder Erkenntnisse haben dich besonders bereichert?
Die Ausbildung bietet eine Grundlagenübersicht über neurologische Erkrankungsbilder und Spiel- und Bewegungsangebote für den Rehasport. Hier werden Grundlagen gelegt und es bleibt Zeit zum Ausprobieren in der Praxis.
- Wie hat sich dein Blick auf den Rehasport durch deinen Unfall und die Lähmung verändert?
Gerade als junger Mensch habe ich mir über das Konzept Rehasport nie Gedanken gemacht. Aber natürlich kommt mit der Veränderung durch den Unfall dann die Frage nach neuen sportlichen Möglichkeiten. Erkrankungen und Unfälle, sowie Behinderungen können verunsichernd wirken, es fehlen Erfahrungen und kreative Adaptionsideen. Dabei ist Sport genau der Ort, wo wir alle zusammen Inklusion leben und lernen können und wo alle voneinander profitieren können. Rehasport kann einen geschützten Rahmen bieten, um wieder in Bewegung zu finden, in den Austausch zu kommen und gute Adaptionsstrategien zu erlernen. Hier können wichtige Fähigkeiten (wieder-)erlernt werden und eine Brücke in den inklusiven oder Parasport gebaut oder zurück in bekannte Sportarten gefunden werden.
Arbeit mit Teilnehmenden
- Können deine eigenen Erfahrungen ein Vorteil für die Gruppe sein?
Natürlich kann eine eigene Behinderung das Verständnis für gewisse Situationen, Erfahrungen oder Herausforderungen verbessern. Und es kann unter Umständen auch eine Vorbildfunktion begünstigen. Meiner Erfahrung nach kann aber auch ein Übungsleiter ohne diese Erfahrungen bereichernd sein: dazu gehört Offenheit, ein ehrliches Interesse, Nachfragen bei Betroffenen und der Wunsch voneinander zu lernen. Dazu gehören aus meiner Sicht auch qualitative hochwertige Fort- und Weiterbildungen, die mit Betroffenen zusammen entwickelt werden und evidenzbasierte Methoden und Gestaltungsideen vermitteln. Behinderungen und Erkrankungen führen zu sehr individuellen Herausforderungen – die gilt es zu beachten und individuelle Lösungen zu finden, dabei aber evidente Methoden nicht aus dem Blick zu verlieren.
- Welche Botschaft möchtest du anderen mitgeben, die vielleicht selbst überlegen, Übungsleiter*in zu werden?
So unterschiedlich unsere Teilnehmenden im Rehasport sind, so unterschiedlich können auch wir Trainer*innen sein. Das Interesse, Offenheit und Lernbereitschaft sind essenziell – und das kann unabhängig von körperlichen Voraussetzungen bestehen. Das WBRS-Team war sehr hilfreich Themen wie Barrierefreiheit für die Ausbildung vorab zu klären und in der Gruppe selbst gab es dann keine Hindernisse. Sportler*innen untereinander verstehen sich ja meist direkt. Ich konnte ein paar Übungen darauf testen, ob sie für Teilnehmende wie mich realistisch wären. Ansonsten war ich einfach eine Teilnehmerin wie alle anderen – jede und jeder mit seinen eigenen Erfahrungen.
Vielfalt und Ausblick
- Wir würden gerne mehr Menschen mit Behinderung in der Rolle des Übungsleitenden sehen. Warum ist es wichtig, dass Menschen mit Behinderung als Trainer*in sichtbar werden?
So vielfältig unsere Gesellschaft ist, so vielfältig sollte sie auch unter Trainer*innen repräsentiert sein. Wenn Vereine den Dialog suchen mit Betroffenen, schaffen sie automatisch den Raum, dass auch Betroffene selbst ihren Platz finden. Im Tennisverein in Puchheim (bei München) zum Beispiel wurde in der Abteilung für Inklusion von Anfang an auf den Austausch mit den Betroffenen gesetzt und dort wurden auch Betroffene ermutigt sich im Trainerwesen zu qualifizieren. Hier arbeiten Trainer*innen mit Behinderung und ohne Behinderung gemeinsam – und das erweitert natürlich auch den Blick auf Hindernisse und Barrieren, Trainingsmethoden und die Inklusion. Aus meiner Sicht ist das ein wichtiger Weg auch im Rehabilitationssport.
